Norbert Prangenberg im Gespräch mit Rolf Steiner
Norbert Prangenberg im Gespräch mit Rolf Steiner am 6. August 2000 auf dem Hermeshof

NORBERT PRANGENBERG Du hast gerade gesagt, als wir in dieses Zimmer kamen, in dem wir nun das Interview machen, hier habe ich vor 35 Jahren übernachtet, das war damals Rainers Zimmer auf dem Hermeshof. Kannst du dich noch erinnern, wie du Rainer kennengelernt hast?

ROLF STEINER Das war im Internat, aber genau kann ich mich nicht mehr
erinnern, ich kam in ein Internatshaus, in dem Rainer schon lebte, und da
waren halt viele neue Gesichter. Daß wir wirklich etwas miteinander zu tun
hatten, kam erst später, vielleicht in der Obersekunda, vorher gab es
natürlich den Fußball, wir spielten zusammen in einer Mannschaft, Fußball
war damals unser Leben, es gab nichts anderes, später dann haben wir über
die Graphik eine gemeinsame Wellenlänge entdeckt.

NP Und dann ist der Kontakt nicht mehr abgerissen.

RS Ja. Ich habe nach dem Abitur meinen Ersatzdienst in den USA gemacht,
während Rainer zur Bundeswehr gegangen ist. Wir haben uns ab und zu
geschrieben. Für mich war Rainer eine Person, mit der ich mich über
künstlerische Themen austauschen konnte und über Fußball, so wie mit dir.

NP Auch über die Musik, da gab es doch auch gleiche Interessen.

RS Das eigentlich weniger, ich war nicht so ein Bob-Dylan-Fan, und Rainer
hörte eigentlich nichts anderes, er saß meist in seinem Zimmer und zeichnete
und hörte Bob Dylan, und ich stand mehr auf Jimi Hendrix und Yardbirds und
Cream. Ich erinnere mich an einen Plakatwettbewerb, an dem er teilgenommen
hat mit dem Titel: »Dreigeteilt – Niemals!« Es ging um die Anerkennung der
Oder-Neiße-Linie, es war das erste Mal, daß ich mit so etwas wie einem
graphischen Wettbewerb in Berührung kam, das hat mich beeindruckt. Aber was
uns neben der Graphik auch zusammengebracht hat, war, daß Rainer zu Anfang einen sehr schweren Stand hatte im Internat, er wurde wegen seiner Herkunft von einem Hühnerhof gehänselt, und ich war auch jemand, der in der Gruppe nicht so funktionierte und eher ein Einzelgänger war.

NP Kannst du dich noch daran erinnern, wie ich da auftauchte?

RS Nein, nicht wirklich.

NP Ab wann komme ich in dein Gesichtsfeld?

RS Ich denke, das war Ende der sechziger Jahre, Rainer hat 69 Abitur
gemacht, ich 70, das muß dann um 68 gewesen sein. Du hast einmal gesagt, das wäre gewesen, als du deinen Führerschein gemacht hast, also 67, aber ich denke, du hast Rainer erst allein besucht.

NP Ich kann mich daran erinnern, daß du im Haus Abendland, so hieß doch das Internatshaus ...

RS ... ja, sie hatten diese illustren Namen, es gab noch das Haus
Morgenland, Unverzagt, Rektorat.

NP Du hast in deinem Zimmer gesessen und warst sehr introvertiert, als ich
dich das erste Mal getroffen habe, aber dann haben wir uns unterhalten, und
du warst plötzlich ganz offen. Und später, nach dem Abitur, hast du mich
dann in Rommerskirchen in der Kastanienallee besucht. Kannst du dich an die Zeit erinnern, als Rainer Photographie in Kassel studiert hat?

RS Ja, ganz gut. Ich erinnere mich an seine photographische Aktion während
der documenta, ich glaube, es war die fünfte, auf der Beuys 100 Tage seine
freie Universität eingerichtet hatte, Rainer hatte ein Photo von Beuys
lebensgroß auf Pappe abgezogen und sich damit in eine Fußgängerunterführung gestellt, und jeder Vorbeikommende konnte sich neben Beuys photographieren lassen.

NP Bei dieser Ausstellung handelt es sich ja um ein sogenanntes
Freundschaftsprojekt, es war deine Idee, und ich möchte dich jetzt fragen,
was es dir bedeutet, diese Ausstellung mit Rainer und mir zu machen.

RS Wir kennen uns schon so lange, aber haben eigentlich nie in dieser
Konstellation zusammengearbeitet. Die Vorstellung, daß jeder seinen Teil
einbringt, also Rainer photographiert, du deine Skulpturen ausstellst und
ich einen Text darüber schreibe, hat mir gefallen. Freundschaft war der
Hintergrund, die emotionale Basis, letztendlich eine Verbindung, ähnlich wie
in einer Familie, es gibt einen Zusammenhang, der völlig losgelöst ist von
der eigentlichen Arbeit, das ist der Boden, auf dem wir stehen, eine
Bereitschaft, grundsätzlich das zu akzeptieren, was der andere macht, dann
können inhaltliche Differenzen auch mal zurückstehen. Letztendlich hatte ich
die Idee zu dieser Ausstellung, weil mir eine Ausstellung von dir gar nicht
gefallen hat, Rainer und ich sind zusammen dort hingefahren, und wir hatten
beide ein ungutes Gefühl, und das war die Geburtsstunde für diese Idee, auf
dem Hermeshof eine Ausstellung zu machen, unter anderen Bedingungen als in einer Galerie oder einem Museum. Es gab kein Konzept, nur den Wunsch, es einmal selbst in die Hand zu nehmen und anders zu machen ...

NP Anders als eine Museumsausstellung?

RS Ja. Es war ganz unbedacht, unschuldig, ich bin ja kein gelernter
Ausstellungsmacher, mich interessiert, etwas zu machen, was ich noch nicht
kann, und mir auf dem Weg das Können anzueignen, also rückhaltlos zu
arbeiten, ohne auf etwas zurückgreifen zu können, das ist wie bei jedem
Beginn zu einem neuen Buch, ich fange an und weiß, daß ich das Buch
eigentlich noch nicht schreiben kann, und trotzdem beginne ich, im Vertrauen
darauf, und hier kommt die Erfahrung ins Spiel, daß sich der Moment
einstellen wird, wo das Nicht-Können in Können umspringt. Das ist eigentlich
das Geheimnis künstlerischer Arbeit, Kunst kommt nicht von Können, sondern
von Nicht-Können. Also, ich habe das Ausstellungsmachen nicht gelernt, und
darin liegt die Chance, einen frischen Blick auf die Dinge zu werfen,
unbelastet von kunsthistorischem Vorwissen. Ähnlich wie bei dir, du bist
kein gelernter Keramiker und kannst deshalb so frei mit dem Ton umgehen, daß
vielen Keramikern die Haare zu Berge stehen.

NP Ich möchte noch mal auf den Hermeshof als Ausstellungsort zurückkommen,
ich denke, dich hat gereizt, hier einen bäuerlichen Betrieb vorzufinden, der
noch bewirtschaftet wird, ein von der Architektur her schöner Raum.

RS Ja, es war wichtig, einen Raum zu haben, der nichts mit Kunst und dem
normalen Kunstbetrieb zu tun hat, mir geht es ja auch darum,
Erwartungshaltungen und Wahrnehmungsstrukturen zu durchbrechen, das klingt
jetzt wieder so ideologisch ...

NP anders zu sehen ...

RS ja, aber das hat wie gesagt nichts mit einem Konzept zu tun, Schlagworte
wie »Grenzüberschreitung« oder »Neue Art der Wahrnehmung« sind fehl am
Platz, es ist einfach ein Gefühl, ein emotionaler Humus, aus dem heraus sich
etwas entwickelt, ein Gärungsprozeß, auch ein Überdruß an den normalen
Galerie- und Museumsräumen, wo es darum geht, stelle ich die Skulptur jetzt
in die oder in die Ecke, rücke ich sie 5 cm nach links oder nach rechts.

NP Wenn ich dich richtig verstanden habe, war es wichtig, daß es per se ein
anderes Umfeld ist. Hat die Landschaft, die den Hermeshof umgibt, für dich
eine bestimmte Bedeutung?

RS Nein. Ich habe niemals deine Skulpturen mit den Feldern und Bäumen in
Zusammenhang gesehen. Wenn Rainer Fabrikbesitzer wäre, würde die Ausstellung
in einer Fabrikhalle stattfinden.

NP Eine romantische Idee lag nicht zugrunde?

RS Nein. Höchstens in bezug auf unsere Zusammenarbeit, daß sich die
Möglichkeit für uns drei bot, jenseits von gesellschaftlichen
Rollendefinitionen wie Photograph, Bildhauer, Schriftsteller
zusammenzuarbeiten ...

NP Obwohl ja letztendlich dann doch diese Rollen schon eingehalten wurden.

RS Ich meine damit nicht, daß jeder alles machen soll, ich photographieren,
Rainer schreiben, das überhaupt nicht, ich meine vielmehr die Abkehr vom
Professionellen, von dieser heutzutage üblichen blinden Verehrung des
Professionellen, das Wort ist ja ein Synonym für »reibungslos« und
»eindeutig« geworden, ich meine, man kann sich eine Blöße geben, man kann
sozusagen auf der Ebene eines Selbstgesprächs miteinander kommunizieren, man
muß keinen Standpunkt vertreten.

NP Wir haben ja vieles gemeinsam diskutiert, nur am Ende hat sich doch jeder
in seinem Spezialgebiet profiliert.

RS Das ist ja auch gar kein Widerspruch. Martin Walser hat das einmal in
einem Artikel in der »Zeit« sehr gut beschrieben, den Unterschied zwischen
der Rede in der Öffentlichkeit und dem Selbstgespräch, in dem man nicht
recht haben muß und sich widersprechen kann und zu keiner Meinung gedrängt
wird, denn ein Künstler ist in seinen Meinungen viel weniger enthalten als
in seinen Werken, das bedeutet nichts anderes als der bekannte Satz: Das
Werk ist klüger als sein Schöpfer. Walser hat mir damit aus der Seele
gesprochen. Das Land der Kultur ist eher das Land der Besserwisser, hier
gilt es als Zeichen von Schwäche, eine nur wenig gefestigte Meinung zu
haben, man liebt es, Standpunkte einzunehmen, Grenzen zu ziehen, den anderen
eines Fehlers zu überführen. Ich habe mich noch nie mit einem festen
Standpunkt anfreunden können, ich fand es immer viel interessanter – nein,
das stimmt nicht, ich muß es anders sagen: Ich konnte nie anders, als den
Widersprüchen zu folgen, diese vordergründige Klarheit war nie eine
Herausforderung, mich hat immer das interessiert, was zwischen den Zeilen
steht, deshalb bin ich auch Schriftsteller und nicht Journalist geworden,
aber auf der anderen Seite strebt man immer nach Klarheit, nur, wenn man sie
hat, muß man feststellen, daß sie langweilig und geheimnislos ist, aber ich
muß feststellen, je älter ich werde, desto weniger brauche ich sie, desto
besser kann ich die Tatsache aushalten, daß alles nur eine Frage der
Wahrnehmung ist.

NP Mich würde interessieren, wo du deine Wurzeln als Schriftsteller siehst,
du bist ja jemand, den es interessiert, Dinge zu machen, die nicht in
Strukturen verankert sind, die Koordinaten neu zu bestimmen, wie war deine
Entwicklung, du hast mit Graphik angefangen, bist dann nach Amerika gegangen
...

RS Danach wollte ich eigentlich auf die Kunstakademie in Hamburg gehen und
hatte auch schon die Aufnahmeprüfung bestanden, aber dann haben Freunde mich
überzeugt, daß es Blödsinn wäre, Kunst zu studieren, Kunst wäre bürgerlich,
damit könne man gesellschaftlich nichts verändern, es war 1972, die Zeit war
noch sehr von der 68er-Bewegung geprägt, so habe ich Psychologie studiert,
aber während des Studiums bereits Theater gespielt, das Theater zog dann den
Film nach sich und das Schreiben und die Idee, ein Gesamtkunstwerk auf die
Bühne zu bringen, womit ich mich übernommen habe, es folgte eine Phase der
Erschöpfung und des Gesund-Schrumpfens, ich habe mich dann hauptsächlich auf
das Schreiben konzentriert, eine Form, die nur Papier und Bleistift braucht,
ich habe aus der Not eine Tugend gemacht, das kann ich eigentlich recht gut,
nur das Problem bei mir ist, daß die Not erst ziemlich groß werden muß, bis
ich ihre tugendhaften Züge erkenne. Aber das sind alles nur Ausdrucksformen,
wenn du nach meinen wirklichen Wurzeln fragst, die liegen darin, daß ich
versuche, meine Stimme zu formen, ein Grundgefühl in meinem Leben ist, daß
ich kämpfen muß, um gehört zu werden, um lebendig zu sein, wenn ich aufhöre
zu arbeiten, bin ich tot. Aber das scheint manchmal ein hoffnungsloser Kampf
zu sein, »Du hast keine Chance, also nutze sie«, hat Herbert Achternbusch
einmal gesagt, dieser Satz mit seinem tragischen Humor trifft auch auf mich
zu.

NP Ich kann mich erinnern, daß du dich sehr früh für bildende Kunst
interessiert hast, kannst du beschreiben, was dich an meiner Arbeit
interessiert hat?

RS Ich kann natürlich sehr schwer deine Arbeit von deiner Person trennen,
ich habe dich als Freund von Rainer auf dem Internat kennengelernt und dann
deine Entwicklung hin zur bildenden Kunst verfolgt, insofern war es ganz
natürlich, daß mich deine Bilder und Skulpturen auch beschäftigt haben. Aber
was mich grundsätzlich an deiner Arbeit interessiert, ist das intuitive
Arbeiten, dieses Sich-am-Material-Entlangarbeiten, nur mit einer vagen Idee
im Kopf, wenn du zum Beispiel eine stehende Figur aufbaust, entscheidest du,
während du an ihr arbeitest, aus der Hand heraus, ob du ein Loch
hineinschneidest oder einen Zapfen an der Wandung anbringst, das ist
vielleicht gegenteilig zu mir, als Schriftsteller arbeitet man doch mehr auf
der Ideenseite, das Material sind die Gedanken, und die sind per se
abstrakt, nein, das stimmt nicht, am Anfang steht immer ein Gefühl, ein
Wille zum Ausdruck, und die Arbeit besteht darin, es in Worte zu fassen.

NP Wir sprachen eben über Romantik, würdest du dich für einen romantischen
Schriftsteller halten?

RS Ja, ganz sicher, ich liebe die Natur, ich bearbeite die klassischen
Themen der Romantik, Natur, Liebe, Tod, insofern entspreche ich auch dem
Klischee des tiefsinnigen Deutschen, das ist, glaube ich, auch etwas, das
uns verbindet.

NP Siehst du in meiner Arbeit, obwohl sie ja nicht gegenständlich oder
beschreibend ist, auch solche Themen?

RS Ja. Deine Malerei ist stark vom Gefühl geprägt. Dir geht es doch nicht um
Form und Farbkompositionen, der Anlaß zu malen kommt bei dir aus dem
Empfinden, ein Versuch, die Gedanken mit den tieferen Gefühlsschichten zu
verschmelzen und als Grund für das Bild zu nehmen.

NP Welche Künstler bewunderst du?

RS Duchamp. Aber nicht wegen seiner Werke, sondern wegen seiner Haltung. Mit
seinen Werken kann ich nicht viel anfangen, Konzeptkunst interessiert mich
überhaupt nicht, aber seine Haltung bewundere ich, weil sie mir so
entgegengesetzt ist. Für mich ist er ein freier Geist, jemand, der nicht
ständig seinen emotionalen Ballast mit sich herumschleppt, der plötzlich die
Richtung ändern kann, der nichts zu verlieren hat. Es geht mir oft so, daß
mich weniger die Kunstwerke interessieren als die Menschen, die sie machen,
mich interessiert die Biographie eines Künstlers, wie kommt er damit
zurecht, gewissermaßen am Rande der Gesellschaft zu stehen, wie kommt er
damit zurecht, daß sein Stoffwechsel mit der Welt irgendwie anders
funktioniert, daß er anders synchronisiert ist, wie wird er frei durch seine
Arbeit, denn darum geht es ja letztendlich.

NP Um noch einmal an die frühere Frage nach der Motivation anzuknüpfen, die
dich bewegt hat, die Ausstellung auf dem Hermeshof zu machen, welche deiner
Vorstellungen haben sich realisiert, jetzt, wo die Ausstellung fast steht?

RS Eine schwierige Frage. Weil sich die anfänglichen Vorstellungen natürlich
verändert haben im Laufe des Ausstellungsaufbaus. Das ist wie mit den Rüben,
ich habe Rainer mal gefragt, ob man bei der Ernte an der Rübe ablesen kann,
wie sich der Wachstumsprozeß im Detail vollzogen hat, ob es im März zu naß
oder zu trocken war usw., und natürlich hat er meine Frage verneint. Was ich
sagen kann, ist, daß ich mit bestimmten Ideen angefangen habe, die
unterschiedlich zu dem waren, was jetzt herausgekommen ist, das ist in einem
Gegensatz zu dir und zu Rainer zu sehen, ihr geht viel mehr von ästhetischen
Überlegungen aus, von der Skulptur selbst, was sie für einen Raum für sich
fordert, ich bin dagegen jemand, der sich immer mit grundsätzlichen Fragen
herumschlägt, ob nicht der Kieselstein im Hof die gleiche Aufmerksamkeit
verdient wie die daneben stehende Skulptur, was es bedeutet, daß die
Skulpturen in einen kunstneutralen Raum gestellt sind, daß es keine weißen
Wände mehr gibt und die Skulpturen sich gegen die verwitterte Backsteinwand
und den freien Himmel behaupten müssen, welchen Einfluß es auf die
Wahrnehmung des Besuchers hat, wenn sich eine Wolke vor die Sonne schiebt
oder eine Schwalbe sein Blickfeld kreuzt, auch, welchen Einfluß ein großer
Raum hat, wenn der Betrachter im Gegensatz zu Galerieräumen Nähe und
Entfernung zur Skulptur selbst ausloten kann, und dann diese Welten, die den
weiten vereinenden Blick und den fixierenden trennen, wie kann man durch das
Plazieren der Skulpturen erreichen, daß das Aufkommen des weiten Blicks
gefördert wird. Ich bin jemand, der erst einmal das Unmögliche ausprobiert
und sagt, wir stellen die Figur 500 Meter vom Hof entfernt ins Feld, und
sich dann überlegt, was bedeutet es für die Wahrnehmung des Besuchers,
diesen weiten Weg zurückzulegen, also, ich bin immer erst einmal dafür, auf
Grund einer bestimmten Idee so weit zu gehen wie möglich und dann zu
schauen, ob es mit der Skulptur selbst funktioniert.

NP Du hast die Skulpturen auch als Material gesehen, um bestimmte Ideen
auszuprobieren, während ich die Skulpturen immer mehr als ein Zentrum
gesehen habe, das einen ganz bestimmten Raum braucht.

RS Ja, ich glaube, das war der Kern unserer Auseinandersetzung, aber ich
halte nicht verbissen an einer Idee fest, ich bin mir durchaus bewußt, und
das kommt daher, daß wir uns schon lange kennen und schon öfter
zusammengearbeitet haben, ich weiß genau, daß meine Ideen eine Erdung
brauchen, sie müssen im Konkreten funktionieren, sie können nicht gegen die
Skulptur arbeiten, und insofern bin ich im großen ganzen auch einverstanden
mit der Ausstellung, so wie sie jetzt aufgebaut ist, im kleinen vielleicht
nicht. Aber wie gesagt, daß wir jetzt die Skulpturen unter freiem Himmel
ausgestellt haben, heißt nicht, daß ich grundsätzlich der Meinung bin,
Skulpturen könnten nur draußen stehen, ich versuche immer, die Dinge einzeln
zu sehen, so wie du einmal gesagt hast, daß du, wenn du vor der Leinwand
stehst, versuchst, ohne Herkunft zu sein. Aus einer bestimmten Sicht, die
ich im Lauf unseres Ausstellungsaufbaus gewonnen habe, eine Meinung, einen
Standpunkt zu machen, liegt mir fern. Nachdem der Prozeß abgeschlossen ist,
kann ich diese Sichtweise aufgeben, man steigt niemals in den gleichen Fluß,
man muß aushalten, daß die Unklarheit der Normalzustand ist, darin die
Klarheit nur wie eine Insel ist. Aber das habe ich schon mal gesagt.

NP Für mich kommt es bei aller Widersprüchlichkeit darauf an, am Ende dann
doch eine Arbeit zu haben, die mit mir identisch ist, die sich von allen
Seiten zentriert und eine Masse darstellt, dann ist sozusagen eine auf den
Moment bezogene Möglichkeit entstanden.

RS Das stimmt. Vielleicht ist das mehr ein psychologisches Problem, man hat
ein Kunstwerk geschaffen, aber in dem Moment, in dem der Arbeitsprozeß
beendet ist, ist alles vorbei, man fängt von vorn an, man ist wieder ein
Nichtskönner, vielleicht ein wenig klüger als zuvor, aber das Können hat
sich verflüchtigt, man steht mit leeren Händen da.

NP Ich verstehe, was du meinst, und trotzdem, meine Arbeit ist der Versuch
einer Verfestigung und strebt zu einem Schwerpunkt.

RS Das ist der Unterschied zwischen uns, die Ruhe, die deine Skulpturen
ausstrahlen, ich bin ein unruhiger Geist, deswegen interessieren mich auch
deine Skulpturen, weil sie so monolithisch dastehen in ihrer Körperlichkeit,
ohne Bedeutungsüberschuß, sie sind, was sie sind, sie reden nicht, sie
schweigen. In ihrem Schatten wird Stille möglich, und ein Gewahrwerden kann
sich einstellen. Das hat per se eine heilsame Wirkung in der heutigen Welt,
in der die Kommunikation bis zum Exzeß getrieben wird.

NP Das ist für mich auch wichtig, daß eine Arbeit ein Gewicht hat, ich meine
keine Masse, sondern ein Bild kann auch ein Gewicht haben, im Sinne einer
Ausstrahlung.

RS Da kommt der Begriff der Präsenz ins Spiel. Präsenz ist das, was sich den
Worten, der Linie, dem Pinselstrich entzieht, das Unaussprechliche, die
Einheit hinter der Verschiedenheit, das, was mehr ist als die Summe seiner
Teile. Yves Bonnefoy hat in seinem Buch »Wandernde Wege« viel darüber
geschrieben. Unsere Wahrnehmung ist von der uralten Dichotomie zwischen
Verstand und Gefühl geprägt, man könnte vielleicht sagen, die verschiedenen
Richtungen in der Kunst sprechen unterschiedliche Wahrnehmungsebenen an, es
gibt die, die unterhalb der Gürtellinie eindringen, das sind mir die
liebsten, und es gibt die, die den Verstand ansprechen, über die sich
streiten und ein Diskurs führen läßt, das sind den Kritikern die liebsten.
Seit Duchamp das Ready-made erfunden und damit den Weg für die Konzeptkunst
geebnet hat, hat der Betrachter es schwer, er gerät vor dem Kunstwerk in
Not, es erschließt sich nicht mehr aus der unmittelbaren Anschauung, er muß
eine Aufbauleistung erbringen. Und so kommt die Kunst ins Gerede. Zwar
behaupten viele kluge Köpfe, daß Wirklichkeit und Sprache deckungsgleich
sind, und sie haben recht damit, und doch haben sie unrecht, das Netz der
Worte hat Löcher, es gibt diese Momente, wenn man auf dem falschen Fuß
erwischt wird, wenn ein Anblick unter der Gürtellinie eindringt und Präsenz
erfahrbar wird. Dann wird man entführt aus dem Alltäglichen, dann gerät man
ins Schwärmen, und das ist letztendlich das, was ich will, eine
verstandesmäßige Annäherung an ein Kunstwerk liegt mir nicht so. Ich fühle
mich oft wie ein Kind, wenn ich mich mit Leuten unterhalte, die diese
intelligenten, wohl abgewogenen Urteile fällen, wie ein Kind, das keinen
Anschluß findet an die Unterhaltung Erwachsener, ja, ich möchte eher meine
Begeisterung ausdrücken oder schweigen, und ich denke, das Vermögen, die
Geister über sich kommen zu lassen, ist ein kindliches, es zerstört
Hierarchien, es sperrt sich dagegen, daß zum Beispiel die Zeichnung eines
unbekannten Künstlers geschmälert wird durch die Erinnerung an Rembrandt
oder Leonardo.

NP Es gibt diesen Satz: »Man sieht nur, was man weiß«.

RS Ja, er stammt, glaube ich, von Goethe, ein Kölner Verlag hat ihn sich für
die Vermarktung seiner Reisebücher zunutze gemacht, es ist ein toller Satz,
er bringt die Geschichte der menschlichen Wahrnehmung und gleichzeitig ihre
katastrophale Entwicklung auf den Punkt, ja, es stimmt, die meisten fahren
in fremde Länder, die Kunst ist sozusagen ein fremdes Land, mit
Reiseführern, sprich Katalogen bewaffnet, einer Waffe gegen das Nichtwissen,
und arbeiten schon vor Reiseantritt an den Schablonen für die kommenden
Eindrücke und berauben sich der Möglichkeit, Präsenz zu erfahren. Ich lasse
mir die Eindrücke gern um die Ohren schlagen, was nicht heißt, daß ich nicht
manchmal das Wissen vermisse und dumpf vor einem Kunstwerk stehe und mich am
liebsten einer Führung anschlösse und mir die Erklärungen anhörte, aber
grundsätzlich möchte ich lieber nichts wissen, mir sind Stelldicheins
lieber, wenn ein kulturelles Ereignis meinen Weg kreuzt. Es gibt nichts
Schöneres, als wenn zur rechten Zeit am rechten Ort das rechte Buch sich
einstellt. Diese Momente sind köstlich. Und selten, naturgemäß. Ich liebe
nicht das Geflecht, das entsteht, wenn man auf dem laufenden ist. Ich liebe
das einzelne. Das einzelne braucht, um als einzelnes wahrgenommen zu werden,
viel Raum um sich. Ich habe gar keine Lust, mir viele Dinge anzuschauen,
einige wenige Ausstellungen, Filme, Bücher im Jahr, das reicht. Ansonsten
arbeiten, essen, trinken und lieben, durch die Straßen gehen, ins Grüne
fahren und sich im Nicht-Wissen üben. Und jetzt kann ich endlich meinen Satz
anbringen, der mir schon lange auf der Zunge liegt, nämlich daß, falls die
Welt einmal zugrunde geht, sie nicht am Unwissen, sondern am Wissen zugrunde
geht.

zurück